Christoph Stiefel, 1961 - 2026
Wenn in jedem Ton ein ganzes Leben steckt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man Christoph Stiefel hört. Es widerstrebt mir, von dem Schweizer Pianisten, Klangphilosophen und Musikerfinder in der Vergangenheitsform zu schreiben. Und es liegt mir fern, hier seine Platten aufzuzählen, als handele es sich um ein abgeschlossenes Oeuvre.
In seiner Haltung zur Welt gleicht Christoph Stiefel den großen Philosophen der griechischen Antike. Für Pythagoras und seine Zeitgenossen war Musik das Prinzip, das die Welt zusammenhält. Sphärenharmonie des Kosmos und Seelenharmonie des Menschen finden zu einer untrennbaren Einheit und bilden sich ineinander ab. Freilich, Christoph Stiefel ist Ästhet durch und durch, und doch ist er auch ein unermüdlicher Forscher, der einem Kernprinzip auf den Grund gehen will, das er erst dann hinreichend formulieren kann, wenn er es gefunden hat. Album für Album nähert er sich dem Ziel seiner Forschungsreise an, wohl wissend, dass er es niemals vollständig lüften kann, weil das Kleine und immer Kleinere genauso unerschöpflich ist wie das Große und immer Größere. Genau in dieser Erkenntnis liegt die überwältigende Menschlichkeit seiner musikalischen Vision.
Christoph Stiefel ist ein Lehrer, der nicht belehren, sondern über eine sinnliche Annäherung ans Wesentliche zum Innehalten sowie Erkennen und Erweitern kognitiver Ressourcen beitragen will. Wenn der Mensch besser wird, dann wird auch die Welt besser. So einfach das klingt, so unermesslich komplex ist es auch. Die Hörenden sind ihm ungemein wichtig. Erst in ihnen vollenden sich seine Aussagen. Seine Großzügigkeit kennt keine Grenzen. Er weiß genau, was er will, und verhandelt dieses Ziel innerhalb der Leitplanken seiner inneren Widersprüche, die er unablässig in schöpferischen Einklang zu bringen sucht. Jeder Tonfolge, mag sie im spielerischen Augenblick auch noch so spontan sein, liegt eine innere Notwendigkeit zugrunde, die ihm keine Wahl lässt, als sie genau so zu gestalten, wie wir sie letztlich hören. Er ist ein Getriebener, den es im Jetzt immer nach dem nächsten Schritt verlangt. Verharren ist nicht seine Sache, denn in der Improvisation liegt die Erkenntnis. Deshalb kann Improvisation ebenso wenig jemals abgeschlossen sein wie Erkenntnis.
Nur eines vermag er überhaupt nicht mit seinem Selbstverständnis zu vereinen. Christoph Stiefel mag nicht die bange Ahnung, missverstanden zu werden. Er ist ganz bestimmt kein Perfektionist, doch es verlangt ihn nach Präzision. Präzision und Klarheit sind für ihn Synonyme. Jede Note, jedes Wort bedarf der entschlossenen Eliminierung jedweder Fehlinterpretation. Nach einem Gespräch mit Christoph Stiefel ist es unmöglich, zur Tagesordnung überzugehen. Zu tiefgreifend ist die Manifestation seiner Gedanken. Auch im Detail geht es ihm immer ums Ganze, genau wie in seiner Musik. Wiederholung ist ausgeschlossen, sein offenes Gesamtwerk ist eine große zusammenhängende Erzählung, ein System, ein Weltbild. Er findet die Kraft und Größe, mit jeder neuen Platte, in jedem Konzert ans Bisherige anzuschließen und doch jeden Tag wieder über Start zu gehen.
Zu Stiefels Lebensthemen gehört die Isorhythmie, ein aus dem Mittelalter entlehntes Prinzip kompositorischer Mehrstimmigkeit, das er auf höchst individuelle Weise in den Jazz überträgt. Mit Begeisterung kann er sich darauf ein- und darüber auslassen, denn gerade in der Isorhythmie findet er das adäquate Wurmloch für seine Übersetzungen von Welt in Musik und umgekehrt. Und doch betont er, dass das Konzept niemals die Musik dominieren dürfe, sonst gehe die Musik kaputt. Die Auflösung dieses Paradoxons ist ihm eine Herausforderung, für die ein einzelnes Leben nicht ausreichend erscheint.
Christoph Stiefel ist unter uns. Mehr noch, er ist einer von uns. Wir können ihn spüren. Seine Energie. Seine Spiritualität. Seinen Ton. Seine unvergleichliche Fähigkeit, der Reibung des Unvereinbaren die schöpferische Kraft der Harmonie abzuringen. Und daran wird sich nichts ändern, denn aus der Quersumme von Augenblick und Unendlichkeit ergibt sich Wahrheit. Nicht jenes Konstrukt von Wahrheit, das in Büchern steht, sondern jener allumfassende Weltgeist, der sich eben nicht in Worte fassen lässt. Nur wenige Menschen sind ihm so nahegekommen wie Christoph Stiefel in seiner Musik.
Wolf Kampmann, Musikjournalist, Schriftsteller und Radiomacher